work hard, play hard (Abschluss)

Zwischen Tränen und Transaktionen
Ausstellungstext von Karina Chernenko KUNST+kaviar
Zwischen Supermarktkasse und Ausstellungsraum, Bon-Drucker und Burnout, Einkaufskorb und Empathie erschafft Franziska Weygandt mit work hard, play hard eine fragile, widerständige Welt. Ihre Arbeiten entstehen irgendwo zwischen Kunsthochschule und Schichtdienst, zwischen Erschöpfung und Heilung. Sie erzählen von einem Leben im Dazwischen, das sich einer eindeutigen Verortung entzieht. Die Ausstellung ist ein ebenso ernstes wie verspieltes Plädoyer für Sichtbarkeit: Für Körper, für Gemeinschaft, für Arbeit, für Klassismus-Erfahrungen.
Weygandt bewegt sich jenseits klarer Rollenbilder. Ihre künstlerische Praxis wurzelt in der Zwischenposition eines studierten Arbeiter:innenkinds, im Erfahrungsraum jener, die ständig pendeln müssen – zwischen Welten, zwischen Zuständen, zwischen Erwartungen. Dieser Schwebezustand ist nicht nur biografischer Ausgangspunkt, sondern auch künstlerische Strategie: Er folgt einer Logik des Queeren, die Ambivalenz nicht als Mangel, sondern als Möglichkeit versteht – als Raum jenseits normativer Zuschreibungen, in dem Verletzlichkeit, Abweichung und Nicht-Zugehörigkeit sichtbar werden dürfen.
Im Zentrum stehen Puppenwesen mit großen Augen und Tränen im Gesicht. Sie hängen in Einkaufsnetzen, ragen aus einem selbstgebauten Bon-Drucker oder liegen schwer und reglos auf dem Boden. Es sind stille Stellvertreterinnen, verletzlich, schwer, komisch und doch überraschend vertraut. Ihre Körper wirken zugleich unheimlich und cute, sie erinnern an Kindheit, Überforderung, Kontrollverlust, Vereinzelung und Verbundenheit. Diese Figuren tragen Widersprüche in sich: Sie oszillieren zwischen Intimität und Öffentlichkeit, Spiel und Schmerz, Körper und Objekt. Sie geben dem Unbehagen Gestalt, das viele nur vage spüren.
Weygandts Materialien – Stoff, Rapskörner, Karton – erzählen von Begrenzung, von Handarbeit, von Wiederholung. Die Objekte sind schwer, weich, verletzlich. Sie verweisen auf Prekarität, auf erschöpfte Körper, auf alltägliche Formen des Überlebens. Und sie öffnen Räume für etwas anderes: für Gemeinschaft, für Zärtlichkeit, für die Möglichkeit von Heilung. Diese Materialität ist kein Nebenschauplatz, sondern Teil des Themas: Wer kann sich leisten, Kunst zu machen? Und unter welchen Bedingungen?
In einer Kunstwelt, die sich gern als offen inszeniert, sind Fragen nach Klassenzugehörigkeit und ökonomischem Druck nach wie vor randständig. work hard, play hard widersetzt sich diesem Schweigen. Die Ausstellung erzählt von Arbeitsrealitäten, von Schichtplänen und Supermarktkassen, vom Funktionieren-Müssen trotz Schmerz und Trauma. Sie tut das ohne Zeigefinger - vielmehr mit einer Bildsprache, die Schmerz in Farbe taucht und Komplexität in Stoff näht.
Die Ausstellung fragt nach den Bedingungen künstlerischen Schaffens, nach Körperlichkeit und Sichtbarkeit, Scham und Zugehörigkeit. Sie verhandelt Trauma, nicht abstrakt oder distanziert, sondern tastend und konkret. Ihre Sprache ist poetisch und politisch zugleich, jenseits von Eindeutigkeit, immer offen für Mehrdeutigkeit – eine Haltung, die sich auch queer-theoretisch als Einladung zum Aushalten des Uneindeutigen verstehen lässt.
Die Fotografien, aufgenommen im Supermarkt, Weygandts zweitem Arbeitsumfeld, intensivieren die Spannung zwischen Kunst und Alltag. Es geht hier nicht nur um Symbolik. Es geht um gelebte Realität. Um das ständige Umschalten zwischen Lohnarbeit und Kunstproduktion, um das Wandeln zwischen den Welten.
work hard, play hard ist keine Kapitalismuskritik mit Ausrufezeichen. Es ist ein Angebot zur Auseinandersetzung - mit Humor, Ernst, Weichheit. Eine Einladung, die Kasse nicht nur als Ort der Transaktion zu lesen. Und es stellt eine leise, aber eindringliche Frage: Wie viel Trost passt in einen Einkaufsbeutel?









work hard, play hard (Abschlussausstellung)
2025
Stoff, Wolle, Füllwatte, Hanfwolle, Sägespäne, Lavendel, Pappe, Kleister, Papier
Galerie mimikri, Kassel
Fotos: Tanja Jürgensen